Ein Moment mit Gott im Oktober 2010

Fr., 01.10.2010

Wenn ich Gott nicht spüren kann...

Ich sehe mir im Fernsehen gerne Science-Fiction Filme an. Und wie das bei unseren kommerziell orientierten Fernsehsendern der Fall ist, wird dort auch viel Werbung gezeigt. So habe ich in der Werbepause - wahrscheinlich eher unbewusst - "rumgezappt" und bin bei "Bibel-TV" stecken geblieben. Ein charismatischer US - Prediger stand auf der Kanzel und hat in Ekstase versetzt dazu aufgefordert, Gott jetzt ganz intensiv zu spüren.

Eine ganz tolle Kombination: Erst im Film der Traum von einer schönen neuen Welt in der Zukunft und jetzt: Gott spüren! Um ehrlich zu sein: Ich fand die gesamte Veranstaltung bei "Bibel-TV" doch ziemlich abschreckend. Schließlich kann niemand erwarten, dass man von jetzt auf gleich Gott spüren muss. Genau dieses "müssen" hat mich besonders auf die Palme gebracht. Erstens muss man gar nichts und zweitens: was ist, wenn ich Gott nicht spüren kann? Gott spüren: Was heißt das eigentlich? Ihn riechen, schmecken, hören, vielleicht sehen? Sicher nicht. Hat schließlich die frühe Raumfahrt herausgefunden, dass weder Gott noch ein himmlischer Hofstaat auf unseren Wolken sitzen. Wie könnte es denn dann sein, Gott zu spüren?

Schwierige Frage... Schließlich - peinlich, aber wahr - kann selbst ich als Theologiestudent nicht immer und überall Gott erspüren. Das gelingt selbst den bedeutendsten Christen wie Mutter Theresa nicht. Sie hat auf lange Jahre hin Gott überhaupt nicht mehr gespürt... [...]

Es bedarf also einer ganz besonderen Sensibilität, um Gott wahrzunehmen. Außer den Sinneseindrücken, die von außen in mich hineinströmen, scheint es noch eine andere Kategorie der Wahrnehmung zu geben: Wenn ich mich mit meinen Freunden treffe, etwas tue, bei dem ich einen tiefen Sinn verspüre, wenn ich im Wald spazieren gehe und bewundere, wie schön die Natur um mich herum ist, dann sind diese Momente der Freude wie Glück, Sinn, Liebe, Schönheit, Harmonie, Bejahung des Lebens sicherlich keine Sinnesreize, die von außen auf mich einströmen, sondern Dinge, die vielleicht von Sinnesreizen ausgelöst werden, die ich aber nur in meinem Inneren als ihre Deutung wahrnehmen kann. Warum sollte Gott sich nicht auf die gleiche Weise erkennen lassen, also in meinem Innersten?

...Weil er sich eben nicht so einfach erspüren lässt! Der Waldspaziergang, die Freunde schön und gut. Aber Gott?! Der große Gott, der die gesamte Welt erschaffen haben soll? Der angeblich jedes einzelne Haar auf meinem Kopf einzeln abgezählt hat... Gott spüren müsste dann ein einzigartiges Gefühl sein, dass mich ganz mitreißt, mich elektrisiert, wie den Fernsehprediger bei "Bibel-TV" fast schweben lässt.

Aber warum eigentlich? Ich glaube, Gott zeigt sich auch in den kleinen Dingen. Er verlangt keine Wundertaten von uns. Es geht gerade darum, auch die kleinen Dinge im Leben zu spüren und zu schätzen. Besonders eindrucksvoll finde ich die Geschichte des Propheten Elija (1Kön 19), der in die Wüste gezogen ist, um dort zu sterben. Ja auch der große Elija ist am Ende. Der Gott, an den er geglaubt hat, hat ihn scheinbar verlassen. Also: Auch der große Prophet hatte wohl nicht das richtige Gespür für Gott. Mit dem Leben abgeschlossen, verzweifelt und alleine setzt er sich unter einen Ginsterstrauch. Doch anstatt hier zu sterben zeigte sich ihm Gott. Nicht im starken, heftigen Sturm, nicht im Erdbeben und auch nicht im Feuer kam Gott zu Elija, sondern im sanften, leisen Säuseln.

Gott spüren bedeutet also, auf die kleinen versteckten Zeichen zu achten, auf seine verborge Gegenwart zu setzen. Dabei muss nichts geleistet werden, keine Bedingung erfüllt sein, um ihm gegenüber zu treten, es bedarf auch keiner umfassenden Vorbereitung. Sondern einfach die Bereitschaft sich darauf einzulassen, zu spüren, ja ich liebe meine Partnerin/ meinen Partner, ich kann mich darüber freuen, wenn zwei von meinen Freunden zusammen gefunden haben, ich bin dankbar, dass jemand an mich gedacht hat. Genau in diesen Momenten ist uns Gott so nahe, dass ich meine, dass man ihn dann spüren kann, auch wenn man beim Gefühl nicht gleich an Gott denken würde.

Gott steckt im Detail! Wenn ich mich im Sommer auf den Balkon setze, und von fernen Welten träume, die vielen Sterne sehe, die den Himmel erleuchten, stelle ich schnell fest, dass ich selber nur ein winziges Staubkorn bin und im Anbetracht alles dessen, was ist, wohl irgendwie unbedeutend bin. In Anbetracht der Weite dieses unbegreifbar großen Raumes über uns ist es tröstlich, etwas noch Größerem nachspüren zu können... und dieses Nachspüren bringt mich zu Gott. Aber es bedarf nicht einmal notwendig der Stille oder der Einsamkeit. Es reicht auch ein Moment, um zu wissen: Gott ist da. [...]

Dass Sie fähig werden, Gott in allem zu finden, das wünsche ich Ihnen!


(Fotos: www. aboutpixel .de)


 

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